Familie von Adele Gross (geborene Samuel)

Anders als ihre Schwestern überlebten Adele Gross, geborene Samuel, und ihre beiden Söhne Paul und Erich den Holocaust unversehrt. Sie hatten das Glück, dass ihre Familie und ihre Nachbarn sie vor den Nazi-Schergen versteckten und beschützten.

Nach ihrer Heirat mit dem Schlosser Gottfried Gross aus der Invalidenstraße trat Adele Samuel zum christlichen Glauben über. Sie ging regelmäßig in die Kirche. In der Familie Gross wurden Weihnachten, Ostern und andere christliche Feste gefeiert. Trotzdem war sie nach der Machtergreifung Hitlers nicht sicher. Es gab eine Reihe von Razzien bei der Familie Gross, bei denen Männer in langen Mänteln auftauchten und nach Adele Gross suchten. Doch im Haus der Familie Gross gab es in der Werkstatt ein Geheimversteck. Dort hatte ihr Ehemann Gottfried einen kleinen Kohlenkeller, von dem aus er einen Fluchtweg zu zwei Häusern unterhalb zum Haus seiner Schwester Rosalie Knauft angelegt hatte. Gottfried Gross wird von Zeitzeugen als Mann der klaren Worte beschrieben. „Bei mir kommt keiner ins Haus, der meine Adele holen will. Das geht nur über meine Leiche“, soll Gottfried lautstark gesagt und auf eine Axt verwiesen haben, die er immer neben sich am Bett liegen hatte.

Juden in Riegelsberg__Adele Gross aus der Invalisenstrasse_3

Adele Gross

Der Bruder von Gottfried war in der NSDAP und soll öfters seine Schwägerin vor Razzien gewarnt haben, erzählt man sich im Ort. Da Gottfried für die Wehrmacht empfindliche Elektrogeräte hergestellt hat, trug dies sicherlich auch dazu bei, dass seine Familie verschont blieb.

Die beiden Söhne, Erich und Paul, mussten nach 1935 erleben, dass sie von früheren Spiel- und Schulkameraden gemieden und ausgegrenzt sowie von Kunden ihres Vaters eingeschüchtert wurden. So soll ein Bauer aus Etzenhofen sein Wissen um die jüdischen Wurzeln der beiden Buben ausgenutzt haben, um ausstehenden Lohn für die Reparatur einer Maschine zu drücken. Statt der vereinbarten Naturalien für die ausgeführte Reparatur reichte der Bauer Paul einen Sack mit winzigen Kartoffeln, fasste dem Jungen an die Nase und sagte: „Na, du kleiner Juddebub.“

Als im Ort gar darüber nachgedacht wurde, Erich und Paul in einem Lager zu internieren, machten sich Norbert Krämer und Guido Weiland dafür stark, eine Feuerwehr-HJ zu gründen, in die Paul und Erich aufgenommen wurden. Ihre Mitarbeit wurde als „unverzichtbar“ bezeichnet, ihre Internierung damit verhindert.

Nach dem Krieg hielt Adele Gross regen Kontakt zu ihren Geschwistern, die in die USA emigriert waren. Mehrmals kam Besuch aus den USA nach Riegelsberg. Dann wurde viel gefeiert und auch viel geweint. Ihr Mann Gottfried genoss bei seiner jüdischen Verwandtschaft hohes Ansehen, da er es geschafft hatte, seine Frau und die beiden Kinder unversehrt durch den Krieg zu bringen und sie vor einer Deportation zu schützen.

Zeitzeugen schildern Adele Gross als eine stolze Frau, zurückhaltend und immer fröhlich. Sie war dankbar, dass sie am Leben war. Ihr Sohn Erich hat immer gesagt: „Den Krieg hätten wir nicht überlebt, wenn wir nicht so gute Nachbarn gehabt hätten.“

Adele selbst hatte auch nach dem Krieg immer einen Koffer griffbereit im Haus stehen, falls sie unerwartet das Haus hätte verlassen müssen. Sie überlebte ihren Mann Gottfried, der 1964 verstarb, rund zehn Jahre. Bis auf ein Jahr, das sie nach einem Schlaganfall bei ihrem Enkel Stefan in der Steigerstraße verbrachte, lebte sie bis zu ihrem Tod 1974 in der Invalidenstraße.

Verfasst von Monika Jungfleisch (Journalistin)