Schüler der Leonardo-Da-Vinci-Gemeinschaftsschule halten Gedächtnis an Opfer der NS-Zeit am 77. Jahrestag der Reichspogromnacht wach.

Mit Putzeimer, Bürste, Spülwasser und Poliertuch marschierten am 9. November, dem 77. Jahrestag der Reichspogromnacht – im Volksmund als Reichskristallnacht bekannt – Schüler der Leonardo-Da-Vinci-Gemeinschaftsschule zu den Riegelsberger Stolpersteinen. Hier polierten die Neunt- und Zehntklässler die Gedenksteine für die Opfer der NS-Diktatur.

Initiiert wurde die Putzaktion vom „Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg“. „Mit dieser Veranstaltung wollen wir an die Schrecken der NS-Diktatur erinnern und gerade am Jahrestag der Reichspogromnacht ins Bewusstsein rufen, wie leicht Menschen zu rassistischen Parolen verführbar sind,“ erklärte der Sprecher des Aktionsbündnisses, der ev. Pfarrer i.R. Volker Junge. Den Jugendlichen rief Volker Junge zu: „Wenn ihr heute fremdenfeindliche Parolen hört, dann schweigt nicht, steht gegen Rassismus und Ausländerhetze auf, zeigt Flagge, macht deutlich, dass ihr nicht so denkt.“

Zusammen mit ihrer Geschichtslehrerin Dr. Christine Conrad, Bürgermeister Klaus Häusle und Vertretern des Aktionsbündnisses starteten die Schüler ihre Putzaktion in der Talstraße, wo sie die Gedenksteine für die Familie Neumark polierten. Weiter ging es zur Kirch- und zur Invalidenstraße, wo die Schüler die Stolpersteine für die Familien Salmon und Albert sowie Gross säuberten. Dominik Gerstner trug jeweils die vom Aktionsbündnis recherchierten Schicksale der vertriebenen, geflohenen, internierten, ermordeten und auch der geretteten jüdischen Mitbürger vor.

Tief berührt wurden die Schüler durch das Bekenntnis der Walpershofenerin Doris Frey. Die 79-Jährige sagte: „Mein Vater war ein Nazi. Er war sogar bei der Waffen-SS. Dass ich heute zu der Putzaktion der Schüler an den Riegelsberger Stolpersteinen gekommen bin, hat damit etwas zu tun. Das ist meine persönliche Form der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.“

Volker Junge, Sprecher des Aktionsbündnisses, dankte den Schülern für ihr Engagement, sich aktiv in das „Projekt Stolpersteine“ einzubringen. Er rief ihnen in Erinnerung, wie schnell aus netten Nachbarn ein „wütender Mob“ werden kann, der „Juden raus“ schreit, und wie leicht Menschen verführbar sind. „Gerade heute, 77 Jahre nachdem unsere Großeltern-Generation Synagogen angezündet und ihre jüdischen Mitbürger durch die Straßen getrieben hat, müssen wir uns mit Blick auf die Herausforderungen der Aufnahme von Flüchtlingen bewusst machen: menschenverachtende Parolen dürfen nicht mehr von unseren Herzen und unserem Geist Besitz ergreifen. Wir dürfen nicht dulden, dass Flüchtlingsunterkünfte angezündet werden. Wir dürfen den braunen Rattenfängern nicht ein zweites Mal auf den Leim gehen. Es gibt keine Rasse, keine Nation, keine Religion, die besser ist als eine andere. Jeder Mensch hat eine von Gott gegebene Würde, wir müssen jedem Menschen mit Respekt begegnen.“

Auch Bürgermeister Klaus Häusle machte den Schülern Mut, die dunkle Seite der Vergangenheit nicht auszublenden und sich ein Beispiel an den mutigen Riegelsbergern zu nehmen, die sich schützend vor ihre jüdischen Mitbürger gestellt haben. Dass die Leonardo-Da-Vinci-Gemeinschaftsschule nun mit Zustimmung aller Schulgremien offiziell die Patenschaft für die Riegelsberger Stolpersteine übernommen hat, freute den Rathauschef ganz besonders. Ist mit diesem Schritt doch eine nachhaltige Wirkung des schulischen Engagements im Rahmen der Aufarbeitung der ortseigenen Historie gesichert.

Das „Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg“ recherchiert seit rund zwei Jahren die Schicksale von NS-Opfern. Zu ihrem Gedenken werden von Bürgern gespendete Stolpersteine in den Bürgersteig vor deren ehemaligen Wohnhäusern einsetzt. Riegelsberg ist damit Teil des europaweit durchgeführten Kunstprojektes des Kölner Künstlers Günter Demnig, der bereits in 1.430 Orten 55.000 Steine zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus verlegt hat.

Zu den Fotos von der Putzaktion geht es hier.

Verfasst von Monika Jungfleisch (Journalistin)