Liebe Schüler,

vor rund drei Jahren haben wir vom Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg begonnen, die Schicksale der Riegelsberger Opfer des Nationalsozialismus zu recherchieren. Angefangen haben wir mit den jüdischen Mitbürgern, die nach Hitlers Machtergreifung gedemütigt, verfolgt, außer Landes gedrängt, deportiert, in Konzentrationslager gesteckt und schließlich sogar ermordet wurden. Glücklicherweise hatten wir in Riegelsberg aber auch mutige Menschen, die ihre jüdischen Mitbürger geschützt und sogar versteckt haben und somit ihr Überleben gesichert haben.

Eure Schule hat damals mitgeholfen, Licht in das Dunkel dieser schrecklichen Zeit zu bringen. Dafür sprechen wir Euch und Euren Lehrern, allen voran Frau Dr. Christine Conrad, Frau Ulla Roth, Frau Sabine Späder und auch Eurem Schulleiter Herrn Günter Engel nochmals unseren herzlichen Dank aus.

Nun wollen wir weiteren Opfern Namen und Gesicht geben.

Wisst ihr denn, wer außer den jüdischen Mitbürgern noch verfolgt wurde? Und habt ihr eine Vorstellung, wie viel Zivilisten und wie viele Soldaten in etwa ihr Leben unter der NS-Diktatur verloren?

Historiker schätzen, dass rund 70 Mio. Menschen im 2. Weltkrieg getötet wurden, darunter fast die Hälfte Zivilisten.

Dem Rassenwahn und dem politischen Fanatismus fielen durch verbrecherische Maßnahmen (also ohne Einbeziehung der Kriegshandlungen) mindestens 13 Millionen Menschen zum Opfer.

Neben 6 Mio. Juden und 3,5 Mio. sowjetischen Kriegsgefangenen zählen auch – rund 200.000 sogenannte Zigeuner, also Sinti und Roma, dazu,

– rund 200.000 geistig behinderte Menschen, die sogenannten Euthanasie-Opfer, – Homosexuelle,  Künstler und Schriftsteller und

– rund 130.000 politisch Andersdenkende, wie z.B. Kommunisten oder Sozialdemokraten.

Über letztere Gruppe haben wir vom Aktionsbündnis ganz aktuell angefangen, nachzuforschen. Wir konnten bis jetzt 13 Namen von politisch aktiven Männern aus Riegelsberg in Erfahrung bringen, die wegen ihrer politischen Einstellung beleidigt, verprügelt, bespuckt, verfolgt, entlassen, verhaftet, in KZs deportiert und sogar wegen Hochverrats hingerichtet wurden. Zwei  von Ihnen will ich Euch kurz vorstellen.

Fritz Klein aus Hilschbach engagierte sich als Sozialdemokrat gegen den Anschluss des Saargebietes 1935 an Hitlerdeutschland. Er ging nach der Angliederung ans Deutsche Reich nach Frankreich und organisierte von Forbach aus den Widerstand. Am 9. Oktober 1943 wurde er von der deutschen Feldgendarmerie in Frankreich aufgegriffen und nach Deutschland gebracht. Vom Volksgerichtshof wurde er am 29. Juni 1944 wegen Hochverrats, landesverräterischer Waffenhilfe und Feindbegünstigung zum Tode verurteilt. Am 22. September 1944 wurde er mit dem Fallbeil im Strafgefängnis Seilerbahn in Bruchsal hingerichtet.

Ein weiterer politisch verfolgte Riegelsberger war Johann Neu aus der Saarbrücker Str. 157. Es war ein einfacher Bergmann, arbeitete auf der Grube Luisenthal als Rohrschlosser. Am 30. Juli 1937 wurde er aus politischen Gründen entlassen. Er musste sich fortan als Hilfsarbeiter betätigen und lebte mit Frau und Tochter in Armut. Nach dem Krieg versuchte er, als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden und eine Entschädigung für entgangenen Lohn und Rentenansprüche zu erhalten. Hierfür musste er Zeugen angeben, die seine politischen Aktivitäten bestätigten. Das war nicht so einfach, denn in den Verwaltungen oder den Gerichten saßen ja immer noch vielfach hitlertreue Mitarbeiter. So hat z.B.  der damalige Verwaltungsvorsteher der Gemeinde Riegelsberg, Josef Schneider, in einem vertraulichen Schreiben dem Landrat zur Wiedergutmachung politischer Schäden mitgeteilt: Herr Johann Neu hat sich nicht als NS-Gegner hervorgetan, und ihm sei sogar bekannt, dass seine Tochter bei den braunen Schwestern ausgebildet wurde“. Gottlob fand Johann Neu auch Personen, die ihm beistanden. Sie bestätigten seine politischen Aktivitäten im früheren Saarbund. Das war eine Vereinigung, die sich gegen den Anschluss des Saargebietes an Hitlerdeutschland 1935 ausgesprochen hatte. Im Januar 1949 wurde er dann endgültig als Opfer des NS anerkannt.

Wie Johann Neu erging es übrigens vielen politischen Opfern, die nach Kriegsende auf eine Entschädigung hofften. Vielfach wurden ihre Anträge zurückgewiesen, da sie zu spät gestellt worden seien. Die Frist für einen Entschädigungsantrag war von der saarländischen Landesregierung auf den  20.09.1947 festgesetzt worden. Später wurde die Frist dann bis 20.6.1948 verlängert. Oder ihre Anträge wurden abgelehnt, weil sie nicht genügend Beweise für ihr politischen Aktivitäten vorlegen konnten, oder weil sie keine Belege über ihre genauen Verluste beibringen konnten, wie z.B. Bescheinigungen über Lohnausfälle.

Vielfach zogen sich die Anträge auf Entschädigung mehrere Jahre hin und die finanzielle Entschädigung belief sich auf wenige Tausend Mark.

Das hier waren nun in Kurzversion zwei Schicksale Riegelsberger Bürger. Wir vom Aktionsbündnis hoffen, dass wir mit Hilfe Riegelsberger Bürger – und vielleicht sogar mit Eurer Hilfe – noch mehr über die politisch Verfolgten des NS-Regimes in Erfahrung bringen. Im nächsten Jahr  wollen wir zum Gedenken für diese mutigen Mitbürger weitere Stolpersteine in Riegelsberg verlegen.

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