Liebe Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich grüße Sie alle herzlich im Namen des „Aktionsbündnisses Stolpersteine für Riegelsberg“ und danke allen, die sich wieder an der Gedenkfeier für die Opfer der NS-Zeit in Riegelsberg beteiligen.

Ganz besonders begrüße ich die Schüler der 9 c mit ihrer Klassenlehrerin Kira Nickels und Frau Dr. Christine Conrad, die das Stolperstein-Schulprojekt seit rund vier Jahren an Eurer Schule mitbetreut.

Ihr Schüler seid heute die Hauptpersonen unserer Gedenkfeier. Ihr habt Euch bereit erklärt, die Stolpersteine in diesem Jahr zu putzen und damit die Erinnerung an diese schlimme Zeit in unserer Gemeinde ins Bewusstsein zu rufen. Zugleich macht Ihr darauf aufmerksam, dass wir in Riegelsberg aus der Vergangenheit lernen wollen, nie mehr Menschen zu verachten, zu verfolgen oder gar zu ermorden.

Heute, vor genau 79 Jahren, haben die Nazis in der Reichspogromnacht eine neue Dimension ihrer Judenverfolgung eingeläutet. Bisher hatten die Nazis die Juden nur durch diskriminierende Gesetze vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Juden durften den deutschen Wald nicht mehr betreten, durften nicht mehr auf Parkbänken sitzen oder bestimmten Berufen nachgehen. Nun aber gingen sie gewaltsam gegen sie vor. Ab dem 9. November 1938 wurden Juden systematisch im ganzen Deutschen Reich verfolgt. Knapp drei Jahre später mündete das in den Holocaust. Ihr wisst, dabei wurden rund 6 Mio. Juden fabrikmäßig ermordet. Aber auch sowjetische Kriegsgefangene, sogenannte Zigeuner, geistig behinderte Menschen, Homosexuelle, Künstler, Schriftsteller und politisch Andersdenkende wurden von den Nazis verfolgt und ermordet.

An dieses unvorstellbare, unmenschliche Handeln erinnert Ihr heute mit dem Putzen der Stolpersteine. Denn nicht nur in Berlin, Frankfurt oder München wurden Juden nachts aus dem Bett gezerrt und auf der Straße zusammengetrieben, bespuckt, getreten, geschlagen.

Nicht nur in Saarbrücken wurden die Schaufensterscheiben zertrümmert, die jüdischen Geschäfte geplündert und die Synagoge in der Futterstraße angezündet.

Auch in Riegelsberg klopften nachts an der Haustür von Gottfried und Adele Gross in der Invalidenstraße Nazis aus der Nachbarschaft und brüllten „Juden raus“. Hinter dieser Tür, die Ihr Euch nachher genau ansehen könnt, kauerten Schlossermeister Gottfried Gross und seine jüdische Frau Adele mit ihren beiden Kindern Erich (13 Jahre) und Paul (11 Jahre). Sie hatten Todesangst. Draußen vor der Tür schrien ihre Nachbarn ihren Judenhass heraus. Nachbarn, die sie am Tag davor noch gegrüßt hatten, mit denen sie über den Gartenzaun ein Schwätzchen gehalten hatten oder die im Geschäft von Adele und ihren Schwestern in der Kirchstraße eingekauft hatten.

Nun waren sie aufgehetzt, verblendet vom Hass gegen alles Jüdische. Dieser irrige Rassenwahn hatte ihre Sinne und ihre Herzen zerfressen.

Gottlob gab es in Riegelsberg auch mutige Männer und Frauen, die sich diesem Hass entgegenstellten.

Ihr wisst, Adele und ihre beiden Jungs wurden versteckt und gerettet. Ihre Verwandten hingegen, die Familien von Adeles Schwestern Amanda und Leonie, wurden bis auf einen ermordet.

Damit ihr Euch vorstellen könnt, wie gewaltig diese Novemberpogrome waren, ein paar Zahlen: vom 7. bis 13. November 1938 wurden etwa 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen, tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.

Das alles ist jetzt 79 Jahre her. Warum machen wir heute immer noch so ein Aufhebens um damals? Ist es nicht endlich mal Zeit, die alten Geschichten ruhen zu lassen?

Meine Antwort darauf lautet: Nein, denn die Greueltaten der Nazis waren zu erschreckend. Meine eigenen Eltern konnten und wollten jahrelang darüber nicht reden. Sie verdrängten diese Zeit. Vielleicht erging es Euren Großeltern genau so.

In Riegelsberg hat es über 70 Jahre gedauert, bis wir die ersten Opfer namentlich erwähnt, ihnen ein Gesicht gegeben und ihr Schicksal erzählt haben. Und mit den Stolpersteinen ihnen einen Gedenkort mitten unter uns gegeben haben.

Ein weitere Grund, warum wir uns erinnern sollten: Weil es auch 79 Jahre nach der Reichspogromnacht immer noch Menschen gibt, die glauben, dass die einen besser und wertvoller sind, als die anderen. Deshalb ist es wichtig, uns daran zu erinnern, wohin Fremdenhass, Rassenwahn und nationale Überheblichkeit führen können.

Ganz konkret meine ich damit: Vor 79 Jahren riefen die Nazis „Juden raus“, heute hört man öfters „Ausländer raus“. Bei den Nazis folgten auf die Worte schlimme Taten, sie zündeten Synagogen an, heute brennen bei uns Flüchtlingsheime. In diesem Jahr waren es schon über 260 Anschläge verteilt in der Bundesrepublik. Die Nazis bauten Konzentrationslager und vergasten dort Juden, politisch Andersdenkende, Behinderte, Homosexuelle. Heute reden wir über Auffanglager für Kriegs- und Hungerflüchtlinge vor den Toren Europas und der Nationalsozialistische Untergrund tötete in den vergangenen Jahren zehn meist türkischstämmige Mitbürger.

Ihr seht, was auf böse Worte folgen kann: böse Taten. Gestern wie heute. Deshalb erinnern wir an die Opfer solcher fehlgeleiteter Gedanken und Gefühle.

Übrigens: In diesem Jahr feiern die Stolpersteine ihr 25-jähriges Jubiläum und der Künstler seinen 70. Geburtstag. Der erste Stolperstein wurde vor 25 Jahren in Köln verlegt, am 16. Dezember 1992 vor dem Rathaus. Genau dort, wo sich Brautpaare zum Foto aufstellen, ersetzte der Künstler Gunter Demnig einen Pflasterstein durch einen Stolperstein. Anlass war der 50. Jahrestag eines Erlasses, dass alle Zigeuner in das KZ Auschwitz-Birkenau zu bringen seien. (Auf dem Stein ist ein Auszug aus diesem Erlass in Metall eingeschlagen und in dem Stein ist eine Abschrift des Erlasses in einem Hohlkörper eingearbeitet.)

Dieser erste Stolperstein erregte die Gemüter. Er war nämlich ohne Genehmigung verlegt und der damalige Oberstadtdirektor bestand darauf, dass er wieder auf Kosten des Künstlers entfernt wird. Damals setzten sich viele Kölner Bürger, Künstler und Journalisten für Gunter Demnig und seine Idee dieses kleinen Mahnmals ein. Der Stein durfte letztendlich bleiben. Aus diesem ersten Stolperstein für die verfolgten Sinti und Roma wurde im Laufe der Jahre ein Kunstprojekt, ein KunstDenkmal, und letztendlich eine Bürgerbewegung, sozusagen eine „Volksbewegung des Erinnerns“ an die Verfolgten und ermorderten der Nazi-Zeit.

Mittlerweile hat sich die Größe und die Beschriftung der Stolpersteine verändert. Gleichgeblieben ist aber die Idee, dass dieses Projekt von Bürgern getragen wird. Sie initiieren die Verlegung der Stolpersteine in ihrer Gemeinde. Sie setzen es häufig gegen Widerstände durch. Sie organisieren die Veranstaltungen im Umfeld der Verlegungen. Sie sorgen für die Finanzierung und eine größtmögliche Nachhaltigkeit, in dem sie z.B., wie hier in Riegelsberg, eine Schule einbinden. Damit bei denjenigen, die überhaupt keine Erinnerung an die NS-Zeit haben, ein Bewußtsein erwacht: Ihr seid diejenigen, die dafür Sorge tragen, dass sich dieser Irrweg des übersteigerten Nationalbewußtseins, der Ausgrenzung anderer und gar ihre Verfolgung und Vernichtung nicht wiederholt.

Mittlerweile sind über 61.000 Steine in 21 Ländern Europas verlegt. Sie wuchsen zu einem der bedeutendsten Gedenkprojekte Europas zusammen. Und die Gemeinde Riegelsberg, Eure Schule und Ihr nun ganz persönlich seid ein Teil dieses europaweiten Kunst-und Bürgerprojektes. Die Erinnerungskultur Eurer Heimat wird durch Euer bürgerschaftliches Engagement geprägt.

Darauf könnt Ihr stolz sein. Nun könnt Ihr mit viel Elan die Stolpersteine putzen.

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