Gemeinschaftsschüler und „Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg“ säubern Gedenksteine für Opfer des NS-Diktatur und stellen Kerzen auf.

 

Riegelsberg. Anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht haben auch in diesem Jahr Schüler der Leonardo-Da-Vinci-Gemeinschaftsschule zusammen mit dem „Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg“ die Gedenksteine für die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur in Riegelsberg geputzt.

Ihren Rundgang zu den Stolpersteinen begangen die Schüler in der Talstraße 16.

 

In diesem Jahr war die Klasse 9 c mit ihrer Lehrerin Kira Nickels an der Reihe. Bevor sich die Schüler mit Putzeimer, Politur und Putzschwämmchen auf den Weg machten, lobte Schulleiter Günter Engel und Bürgermeister Klaus Häusle das Engagement der Schüler.

Schulleiter Günter Engel lobte die Schüler, dass sie sich aktiv mit der Vergangenheit ihrer Vorfahren auseinandersetzen.

 

Garanten für die aktive Erinnerungsarbeit

„Schon das dritte Jahr beteiligt sich unsere Schule an der Putzaktion, mit der wir die schrecklichen Ereignisse von 1938 in Erinnerung rufen und uns aktiv mit der Vergangenheit unserer Vorfahren auseinandersetzen,“ sagte Günter Engel.

Bürgermeister Klaus Häusle sagte den Schülern: „Ihr seid die Garanten für die aktive Erinnerungsarbeit in unserem Ort.“

 

„Ihr seid die Garanten für die aktive Erinnerungsarbeit in unserem Ort, die das ‚Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg‘ vor rund vier Jahren angestoßen hat“, sagte der Rathauschef. „Durch die Zusammenarbeit mit der Schule ist es dem Aktionsbündnis gelungen, dauerhaft und nachhaltig den nachkommenden Generation Geschichte vor Ort ins Bewusstsein zu rufen und eine Kultur des Erinnerns in unserer Gemeinde zu begründen.“

Judenhass auch in Riegelsberg

Die Journalistin Monika Jungfleisch, Initiatorin des Aktionsbündnisses, machten den Schülern bewusst, dass der Rassenwahn der Nazis nicht nur in fernen Großstädten zu Tage trat. „In der Reichspogromnacht brannte auch in Saarbrücken die Synagoge. Und in Riegelsberg klopften Nazis aus der Nachbarschaft nachts an der Haustür von Gottfried und Adele Gross in der Invalidenstraße und brüllten ‚Juden raus‘. Hinter dieser Tür kauerten Schlossermeister Gottfried Gross und seine jüdische Frau Adele mit ihren beiden Kindern Erich (13 Jahre) und Paul (11 Jahre). Sie hatten Todesangst.“

Monika Jungfleisch vom „Aktionsbündnisses Stolpersteine für Riegelsberg“ erinnerte an die Gräueltaten der Nazis während der Reichspogromnacht und blickte auf 25 Jahre Stolpersteine – ein Kunst- und Bürgerprojekt – zurück.

 

Auf einmal war Geschichte nicht nur etwas, was vor langer Zeit irgendwo stattgefunden hat. Diese lebendige Beschreibung der Ereignisse der Reichspogromnacht in Riegelsberg elektrisierte die Jugendlichen. Manchem der Schüler, der selbst Flucht und Vertreibung erlebt hatte, schossen Tränen in die Augen. „War das echt so bei uns hier in Ort“?, wollten sie wissen. „Das hätten wir nicht für möglich gehalten.“

Tröstlich fanden die Schüler, dass es auch mutige Männer und Frauen in Riegelsberg gegeben hat, die sich diesem Hass entgegenstellten, Adele Gross und ihre Söhne beschützten und damit ein Beispiel aktiven Widerstandes gaben.

Auch heute immer noch Fremdenhass, Rassenwahn und nationale Überheblichkeit

Die im Raum stehende Frage, warum auch 79 Jahre nach der Reichspogromnacht, immer noch an die Verbrechen von damals erinnert werden muss, beantwortete Monika Jungfleisch mit klaren Worten: „Es hat in Riegelsberg über 70 Jahre gedauert hat, bis wir die ersten Opfer namentlich erwähnt, ihnen ein Gesicht gegeben, ihr Schicksal erzählt und ihnen mit den Stolpersteinen einen Gedenkort mitten unter uns gegeben haben. Und weil es auch 79 Jahre nach der Reichspogromnacht immer noch Fremdenhass, Rassenwahn und nationale Überheblichkeit gibt, die die Herzen der Menschen zerfressen. Deshalb erinnern wir an die Opfer solcher fehlgeleiteter Gedanken und Gefühle.“

Sina Presser aus der 9c trug das Soldatengedicht von Hans Retep vor.

Musiklehrer Bruno Rabung und die Klasse 7a umrahmten die Gedenkfeier musikalisch.

 

Teil eines europaweiten Kunst-und Bürgerprojektes

Um den Schülern deutlich zu machen, dass sie mit ihrem Engagement Teil eines europaweiten Kunst-und Bürgerprojektes sind, ließ die Journalistin die 25-jährige Geschichte der Stolpersteine Revue passieren. „Aus dem ersten Stolperstein, der am 16. Dezember 1992 vor dem Kölner Rathaus verlegt wurde, sind mittlerweile rund 61.000 Stolpersteine in 21 Ländern Europas geworden. Sie wuchsen zu einem der bedeutendsten Gedenkprojekte Europas zusammen. Und die Gemeinde Riegelsberg, Eure Schule und Ihr nun ganz persönlich seid ein Teil dieser ‚Volksbewegung des Erinnerns‘. Die Erinnerungskultur Eurer Heimat wird durch Eurer bürgerschaftliches Engagement geprägt.“

Nach der Gedenkfeier im Foyer der Gemeinschaftsschule im Beisein von Bürgermeister Klaus Häusle (3.v.r.), Ortsvorsteher Heiko Walter (2.v.l.), Schulleiter Günter Engel (2.v.r.), Monika Jungfleisch (m.) vom Aktionsbündnis Stolpersteine, Hans-Jürgen Marowsky vom Bündnis 90/die Grünen (r.) und den Lehrerinnen Dr. Christine Conrad (3.v.l.) und Kira Nickels (r.) starteten die Schüler der 9c zu der Putzaktion 2017 an den Stolpersteinen.

Kirill Starikov, Davids Trufanda, Aiko Bleisinger, Jessica Dahl und Mouaead Al Khateb (v.l.) putzten und polierten eifrig. Daniel Frauendorfer trug zuvor das Schicksal der Familie Neumark vor.

 

Mit so viel Lob und Ermutigung starteten die Schüler zusammen mit ihrer Lehrerin Kira Nickels, Schulprojektleiterin Dr. Christine Conrad, Schulleiter Günter Engel, Bürgermeister Klaus Häusle, Ortsvorsteher Heiko Walter, Hans-Jürgen Marowsky von der Fraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ und Vertretern des Aktionsbündnisses ihre Putzaktion. In der Talstraße polierten sie die Gedenksteine für die Familie Neumark, in der Kirch- und Invalidenstraße die Stolpersteine für die Familien Salmon und Albert sowie Gross. Zusätzlich trugen sie die Schicksale der jüdischen Mitbürger vor und entzündeten Kerzen als Symbol dafür, dass das Licht der Seele des verstorbenen Menschen immer noch leuchtet, und dass er unvergessen ist.

Nach dem Putzen der Stolpersteine stellten Schüler der 9c auch Kerzen auf. 

 

Verfasst von Monika Jungfleisch (Journalistin)

Fotos: Monika Jungfleisch