Gemeinschaftsschüler und „Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg“ gedenken der Reichspogromnacht und säubern Gedenksteine für Opfer des NS-Diktatur.

Von Monika Jungfleisch

Riegelsberg.Mit einem anrührenden Programm gestalteten die Leonardo-Da-Vinci-Gemeinschaftsschule und das „Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg“ anlässlich der Reichspogromnacht die alljährliche Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus in Riegelsberg.

Musiklehrer Bruno Rabung hatte mit den 5er- und 6er-Klassen jüdische Lieder eingeübt. Hierbei brilliere der elfjährige Syrer Ayend Atto, der seit zwei Jahren in Riegelsberg lebt,  mit einer Soloeinlage. Geschichtslehrerin Dr. Christine Conrad hatte mit der Klasse 9b Gewürzkuchen gebacken nach dem Rezept der ermordeten jüdischen Mitbürgerin Amanda Salmon aus der Kirchstraße. Und die Klasse 7b/c hatte eine Broschüre über das Judentum im Religionsunterricht erarbeitet und ausgelegt.

 

1_Die 5er und 6er Klassen der Gemeinscha ftsschule sangen jüdische Lieder.jpg.jpgDie 5er- und 6er-Klassen der Gemeinschaftsschule sangen unter der Leitung von Bruno Rabung jüdische Lieder. Fotos: M. Jungfleisch

2_Auch von der Empore sangen die 6er Klassen mit.jpgAuch von der Empore sangen die 6er Klassen mit.

3_Ein Lied auf Hebraisch_gesungen vo n der 6a_ ging besonders an Herz.jpgEin Lied auf hebräisch, gesungen von der 6er Klasse, ging besonders an Herz.

4_ Der Elfjährige Syrer_Ayend Atto.jpg.jpg
Der elfjährige Syrer Ayend Atto, der seit zwei Jahren in Riegelsberg lebt, brillierte mit einer Soloeinlage.

5_Kuchenbacken machen den Schülerinnen Spaß.jpg.jpgDas Kuchenbacken nach dem Rezept von Amanda Salmon schuf Nähe zur ermordeten jüdischen Mitbürgerin. Foto: Dr. Christine Conrad

6_Bevor die Schuler zum Putzen aufbrache n, stärkten sie sich mit Gewürzkuchen.jpgZur Gedenkfeier verteilt die Klasse 9b mit ihrer Lehrerin Dr. Christine Conrad den Kuchen an die Gäste.

 

7_Schulleiter Günter Engel.jpgSchulleiter Günter Engels sagte: „Unsere Schule putzt gemeinsam mit dem Aktionsbündnis jedes Jahr die Stolpersteine für die Opfer des NS-Zeit. Damit setzen wir einen wichtigen Akzent gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus.“

8_Bürgermeister Klaus Häusle.jpgBürgermeister Klaus Häusle wies auf die zunehmende Spaltung der Gesellschaft hin und mahnte, wachsam gegenüber Intoleranz zu sein.

9_Ortsvorsteher Heiko Walter.jpgOrtsvorsteher Heiko Walter ermutigte die Schüler, gegen Hass und Mißgunst Widerstand zu leisten und stets respektvoll miteinander umzugehen.

9b_Bruno Rabung lobte besonder s seine syrischen Schüler, die sich sehr ergriffen zeigten von den semitischen Melodien..jpgMusiklehrer Bruno Rabung richtete sich in einer sehr anrührenden Erklärung direkt an seine Schüler: „Es hat mich sehr ergriffen zu sehen, wie selbstverständlich gerade die arabischstämmigen Schüler die jüdischen Lieder mitgesungen haben. Die Musik hat unsere Kinder aus den unterschiedlichen Nationen zusammengeführt.“

10_Gedenkfeier zur Reichspogromnacht 2018.jpgDie Riegelsberger Stolperstein-Initiatorin Monika Jungfleisch rief die Geschehnisse der Reichspogromnacht in Erinnerung. Foto: Benny Schmidt

 

Die Journalistin Monika Jungfleisch, die mit dem „Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg“ die aktive Erinnerungsarbeit in Riegelsberg vor rund fünf Jahren angestoßen hat, stellte den Bezug der historischen Ereignisse von vor 80 Jahren mit der Gegenwart her. „Damals brüllten nicht nur im fernen Berlin aufgehetzte Menschen ‚Juden raus‘. Auch in Riegelsberg klopften Nazis aus der Nachbarschaft nachts an der Haustür von Gottfried und Adele Gross in der Invalidenstraße. Mit ihrem hasserfüllten Geschrei und den brennenden Fackeln versetzten sie die Familie mit ihren Söhnen Erich und Paul in Angst und Schrecken. Heute werden wieder Juden auf offener Straße mit Hosengürteln geschlagen, werden Menschen mit dunkler Hautfarbe durch Straßen gehetzt. Damals nutzen die Nazis gerne verharmlosende Worte für ihre Taten. Sie sprachen von ‚Reichskristallnacht‘. Damit wollten sie von ihrer Brutalität und von dem zerstörerischen Ausmaß ihres Handelns ablenken. Denn in der Reichspogromnacht gingen nicht nur ein paar Schaufensterscheiben zu Bruch. Nein: Bis zu 1.500 Juden wurden in den vier Tage andauernden Ausschreitungen ermordert, 1.400 Synagogen angezündet, tausende Geschäfte und jüdische Friedhöfe verwüstet sowie rund 30.000 Juden in Konzentrationslager verfrachtet. Auch heute wird wieder mit Worten versucht, die wahren ausgrenzenden, menschenverachtenden Hintergedanken zu verschleiern. Aber können z.B. 6 Mio. ermordete Juden und 70 Mio. Kriegstote wirklich nur ein ,Vogelschiß‘ sein? Deshalb ist es wichtig, dass wir an die schrecklichen Ereignisse in der NS-Zeit erinnern.“

Mit Blick auf die aktuelle Diskussion, dass es auch irgendwann mal gut sei mit der deutschen Erinnerungsrührseligkeit, sagte Monika Jungfleisch an die Schüler gerichtet: „Ihr alle habt keine Schuld an den Verbrechen der NS-Zeit. Bei der deutschen Erinnerungskultur geht es auch nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, dass jeder einzelne Verantwortung dafür trägt, dass sich diese Ereignisse nicht wiederholen und dass eine Aussöhnung stattfinden kann. Als Lehre aus unserer Geschichte haben wir den Schutz der Menschenwürde unserem Grundgesetz vorangestellt. Darauf können wir Deutschen mit Recht stolz sein.“

Nach diesen mahnenden Worten verteilten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9b den Gewürzkuchen, den sie nach dem Rezept von Amanda Salmon gebacken hatten, an die Gäste.

10a_Auch interessierte Burge rinnen und Bürger kamen zu Gedenkfeier an die Leonardo-Da-Vinci-Gemeinschaftsschule.jpgAuch interessierte Bürgerinnen und Bürger kamen zu Gedenkfeier an die Leonardo-Da-Vinci-Gemeinschaftsschule. Foto: Justin Langer

 

Anschließend brachen sie mit Putzeimer, Politur und Schwämmchen zum Putzen der Stolpersteine auf, wobei sie vor Ort auch die Schicksale der vier vertriebenen, ermordeten und auch beschützten Familien kurz referierten. Zusätzlich stellten sie Kerzen für Familie Neumark in der Talstraße 16, für die Familie Salmon und Albert in der Kirchstraße 20 und für Familie Gross in der Invalidenstraße 1 auf.

11_Ahmad Tirej, Geschichtslehrerein Dr. Chrstine Conrad und Schulleiter Günter Engel in der Talstraße.jpgAhmad Tirej, Lehrerin Dr. Chistine Conrad und Schulleiter Günter Engel putzen die Stolpersteine in der Talstraße. Fotos: M.Jungfleisch

12_Justin Langer, Emilio Calco und Sebastian Mathis (v.l.).jpgJustin Langer, Emilio Calco und Sebastian Mathis (v.l.) stellen Kerzen an die frisch polierten Stolpersteine für Familie Neumark.

14_In der Kirchstr putzten Sophia Wagner und C DU-Bürgermeisterkandidat Benny Schmidt.jpg.jpgIn der Kirchstraße putzen Sophia Wagner und CDU-Bürgermeisterkandidat Benny Schmidt die Stolpersteine für Familie Salmon und Albert.

15_Auch in der Kirchstrase erstra hlen die Stolpersteine wieder..jpgDanach strahlen die Stolpersteine in der Kirchstraße 20 wieder wie neu.

16_Paul Wolff und Dilhan Harmandali bringen die St olpersteine in der Invalidenstraße zum Glänzen..jpgPaul Wolff (r.) und Dilhan Harmandali bringen die Stolpersteine in der Invalidenstraße1  zum Glänzen.

 

In der Reichspogromnacht marschierte vor 80 Jahren eine kleine Gruppe NS-Schergen mit Fackeln in die Invalidenstraße vor das Haus der Familie Gross. Heute erinnern Stolpersteine daran, dass diese jüdischen Mitbürger von Nachbarn und Freunden beschützt wurden und Widerstand gegen die Nazis möglich war. Die Klasse 9b der Leonardo-Da-Vinci-Gemeinschaftsschule, das „Aktionsbündnis Stolpersteine für Riegelsberg“ und interessierte Bürgerinnen und Bürger erinnerten am 9. November an die Geschehnisse in der Invalidenstraße vor 80 Jahren.

17_Die Klasse 9b der Leonardo-Da-Vinci-Geme inschaftsschule in der Invailidenstraße.jpgFoto: Dilhan Harmandali